Jan Jaroslawski Archiv - Der Anfang (D) – Nr.00
Gesammelte Essays
© Texte und Fotografien: Robert Jaroslawski 2023
Die Stimme meines Vaters
Mein Vater, Jan Jaroslawski, geb. 1925, ist im Dezember 2020 in seinem 96. Lebensjahr verstorben – an Corona? Mit Corona? Zum Glück konnte ich, nachdem meine Frau und ich ihn nach Freiburg im Breisgau 2019 geholt hatten, noch ein gutes Jahr im intensivsten Austausch mit ihm verbringen. Im Verlaufe dieses Austausches habe ich ihm versprochen, seine Stimme zu sein (natürlich nicht als meine einzige Rolle in diesem Leben…)
Letztlich führte dies hierher…
Er hinterließ mir fünf randvoll gefüllte Ordner voller Aufzeichnungen, die in den Jahren 1991 - 1995 entstanden sind, mit der Bitte, sie zu editieren und nach meinem Ermessen zu publizieren. Diese fast täglichen Aufzeichnungen (die Lücken rühren von Zeiten von Reisen, von Krankheit oder von defektem Rechner) umfassen seine scharfsinnigen Beobachtungen zu den internationalen und innenpolitischen Entwicklungen, sowie eine Reihe von thematisch weitgespannten Essays über politische, soziologische, historische und wirtschaftliche Themen, aber auch über bildende Kunst, Literatur und Musik – vor allem letztere war seine tiefste Leidenschaft. Ich hätte es natürlich mit der Lektüre dieser Ordner bewenden lassen können, wäre da nicht mein Versprechen, als Herausgeber der von mir persönlich für geeignet gehaltenen Teile zu fungieren.
Wenn das alles bis hierher als ganz einfach und geradlinig erscheint, dann täuscht der Schein.
“Form follows function?” – nicht immer!
Wenn meine LeserInnen vor ihrem inneren Auge jetzt das Bild von fünf prallen Leitz-Ordnern eines sauber getippten Manuskripts visualisieren, dann wäre die Aufgabe zwar immer noch sehr aufwendig und umfangreich, aber doch konzeptuell nicht allzu schwierig – lies es, streiche, was weg soll, redigiere die Rechtschreibung, editiere sparsam den Satzbau (schließlich soll die Authentizität des Dokuments erhalten bleiben)…
Falsch!
Mein Vater hat polnisch geschrieben - jedoch auf einem Rechner mit einer deutschen Tastatur, ohne die polnischen diakritischen Zeichen und die dem Polnischen eigenen zusätzlichen Buchstaben. Er schrieb täglich, meistens spät Abends, und inspiriert, aber oft auch schon müde. Wenn er dann im Fluss war, war ihm die Zeichensetzung oft von keiner großen Bedeutung – etwas lax würde man sagen, er schrieb oft ‘ohne Punkt und Komma’, öfter auch mit Trennungen ohne Trennungszeichen.
Erinnern sich meine verehrten LeserInnen an MS DOS? An Wordstar (mit Courier als einzigem Font)? An die ersten Tintenstrahldrucker (deren Ausdruck immer blasser wurde und die Druckpatronen eintrockneten)? Stellen Sie sich also bitte etwas über 2500 Seiten Manuskript in eben dieser manchmal schon sehr blassen Schrift vor, die vom oberen bis zum unteren, und vom Lochrand zum rechten Rand, bedruckt sind, ohne sinnvolle Zeichensetzung, oft ohne Absätze - und vor allem und als das Wichtigste: in einem Polnisch, das zwar gedacht, aber nicht als solches geschrieben wurde.
Es war eine fast unvorstellbare - und fast unlösbare - Aufgabe, das Manuskript erst einmal zu digitalisieren und im nächsten Schritt in ein korrektes Polnisch zu bringen. Eine einige Wochen dauernde Phase des Experimentierens, zunächst mit verschiedenen Programmen für die Umsetzung von Diktat in Schrift; das Ausprobieren verschiedenster Headsets – all das erbrachte keine befriedigende Lösung. Die Korrektur des Diktats (das mag für andere, weiter verbreitete Sprachen anders sein, aber für Polnisch?) hätte mit dem Diktat beinahe mehr Zeit beansprucht, als den Text einfach abzutippen und, sozusagen in ‘real time’, zu korrigieren. Durch viele Diskussionen mit texterfahrenen Freunden, bin ich letztlich auf die Idee verfallen, das Manuskript einzuscannen und über eine OCR-Software (OCR steht für ‘Optical Character Recognition’), die über eine Polnisch-Option verfügte, letztlich als Textdatei in Word zu importieren. Und dann ging erst die richtige Arbeit los. Natürlich waren nur die wenigsten Fehlschreibungen durch die Software richtig korrigiert. Ich glaube ich gehe nicht fehl zu sagen, dass 95% der Wörter ziemlich falsch oder gar grotesk falsch geschrieben waren – aber ich hatte zumindest immer noch das Original, und ich hatte eine Textstruktur, die im großen und ganzen (meistens) zumindest die Worthülsen als Mosaiksteinchen enthielt.
Was dann folgte, waren Monate lang viele Stunden täglich korrigieren, korrigieren und nochmals korrigieren. Zum Glück bin ich kurz vor dem Tod meines Vaters in den Ruhestand gegangen und hatte Zeit zur Verfügung. Mein Versprechen, und dann sein Tod, haben mich zusätzlich angespornt, nicht zu verzagen – obwohl ich zugegeben gelegentlich nahe dran war, die Arbeit hinzuwerfen.
Sehr schnell habe ich durch Sondierungen unter polnischen Freunden verstanden, dass die Chancen, einen polnischen Verlag zu finden, der Teile oder das Ganze veröffentlichen würde, praktisch Null standen. Mein Vater war zwar unter den Denkern seiner eigenen Generation bekannt und geschätzt, hatte jedoch mit der Familie 1968 Polen verlassen müssen, und ist folglich in der jüngeren Generation praktisch unbekannt. Unter seinen Freunden war er einer, der mit am längsten gelebt hatte – praktisch alle seine polnischen Freunde hatten diese Welt vor ihm verlassen.
In Deutschland hatte er hingegen einen interessierten und loyalen Freundeskreis gewonnen; er hatte seit der Gründung der Universität Bremen bis zu seiner Emeritierung gelehrt und war ein respektierter Wissenschaftler und Denker, mit einigen deutschsprachigen Veröffentlichungen. Die Chancen, eine deutsche Übersetzung, zumindest eines Teils seiner Aufzeichungen, zu veröffentlichen, standen nicht schlecht. Kaum hatte ich also eine korrekte polnische Fassung erstellt, machte ich mich an eine deutsche Übersetzung (bei weitem nicht meine erste), und fand dann auch relativ schnell einen interessierten Verleger. Leider kam das Projekt aufgrund gesundheitlicher Probleme des Verlegers letztlich nicht zustande. Dies ließ mich jedoch darüber nachdenken, wie ich zumindest einen Teil dieses Schatzes, den mein Vater hinterließ, den interessierten LeserInnen zugänglich machen könnte.
Und so bin ich hier…
Meine LeserInnen – wer könnte das sein?
Sie interessieren sich für jüngere Zeitgeschichte? Für die scharfsinnigen Beobachtungen eines Menschen, der die Zeitläufte seines eigenen Lebens nicht nur passiv erlitten und ertragen hat, sondern mit einem wachen, und einem unglaublich belesenen Geist beobachtet und kommentiert hat? Für die Sichtweise eines Menschen, der die Hölle des Zweiten Weltkrieges und der ‘besonderen Behandlung’, die Menschen wie ihm zugedacht war, erlebt, überlebt und reflektiert hat? Der nicht seine Neugierde für die Welt und auch nicht das Mitgefühl für ihre Leiden verloren hat?
Dann sind Sie hier richtig.
Was soll es denn werden?
Sicherlich kein ‘Blog’. Ich habe vor, einfach in loser Folge ausgewählte Essays aus dem geistigen Nachlass meine Vaters zu veröffentlichen. Ich sehe dies als eine Art Versuchsballon am vorerst blauen Himmel der Möglichkeiten, und werde aufgrund der Resultate dieses Experiments entscheiden, wie es weiter gehen kann.
Parallel dazu soll auch die polnische Originalfassung veröffentlicht werden – schließlich ist es die Sprache gewesen, in der zu schreiben mein Vater gewählt hatte. Und es soll auch jeweils eine englische Übersetzung geben – mehr als die Hälfte seiner Nachkommen leben in den USA.
Bin sehr auf Ihre Reaktionen gespannt.
Und das war er…
Mein Vater, Jan Jaroslawski, ein Tag vor seinem 94. Geburtstag.
https://de.wikipedia.org/wiki/Jan_Jaroslawski
Und das bin ich…
All material © Robert Jaroslawski





Lieber Robert, was für eine wunderbare Idee! Ich kann Jans leicht (selbst-)ironischen, aber doch sehr erfreuten und stolzen (auf dich) Kommentar förmlich hören. Ich freue mich schon auf die weitere Lektüre.